Liebe Weggefährten,

Anstoß für die folgenden Überlegungen war, dass ich vor einiger Zeit den HSV gegen Rostock spielend life miterlebte. Ich sehe gern Fußball, aber eben meist vor dem Fernseher. Nun saß ich also inmitten der riesigen Fußballgemeinde und war von der Atmosphäre beeindruckt. Schon der Fußweg vom S-Bahnhof bis zum Stadion hat was für sich; die Menschenmenge: Männer, Frauen und Kinder zogen in freudiger und erwartungsvoller Haltung mit Fahnen und Tröten und die Chancen für den HSV diskutierend zum Spielfeld. Ich wurde an kirchliche Prozessionen und Wallfahrten erinnert. Bei dem Spiel machte ich dann eine sehr wesentliche Erfahrung für mich. Es fiel ein Tor, und ich hatte es nicht gesehen. Zuerst war ich irritiert, weil vom Fernsehen geübt, ich darauf wartete, dass das Tor wiederholt würde, aber das gibt es ja nur im Fernsehen. Den Trainer am Spielfeldrand musste ich mehr erahnen als sehen, ich saß ja nicht in der ersten Reihe. Bis ich alles entsprechend registriert hatte, war das Spiel schon längst wieder in vollem Gange. Es fiel kein weiteres Tor.

Kinder werden nach einem schönen Ausflug, nach einer gelungenen Geburtstagsfeier getröstet: Wir machen wieder einmal einen Ausflug, du hast ja auch wieder Geburtstag. – Älter geworden, wissen wir: Ein tolles Fest, ein wunderbarer Urlaub kann nicht in gleicher Weise wiederholt werden, auch wenn wir uns das wünschen. Selbst wenn wir ein Jahr später mit denselben Menschen zusammen-kommen, sind weder die anderen noch wir selbst dieselben. Die Erlebnisse, die Begebenheiten, die Erfahrungen, die gewonnenen Einsichten haben die anderen und uns verändert, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Nur im Fernsehen lassen sich Ereignisse beliebig oft wiederholen.

Immer wieder schließen und beginnen wir ein Jahr, wir erleben Frühling, Sommer, Herbst und Winter, wir säen und ernten. Scheinbar durchleben wir diese Zeiten im Kreislauf.

Unser Leben ist aber kein Kreislauf, es ist zielgerichtet.

Wir sind keine Goldhamster, die sich in einem Rad bewegen. Genauso wie wir geboren werden, müssen wir nach einer Anzahl von Jahren von dieser Erde Abschied nehmen. Und selbst viele Jahre müssen nicht unbedingt ein langes Leben bedeuten. - Ich bin Menschen begegnet, die auch mit 80 oder 90 Jahren sagten: War das schon alles?

Der Gedanke, von dieser Erde abtreten zu müssen, ist nicht einfach zu ertragen. Deswegen flüchten sich viele in die Vorstellung von der Wiedergeburt, von dem stets neuen Anfang. Im Hinduismus und im Buddhismus, den Religionen des fernen Ostens, glauben die Menschen an die Wiedergeburt. Diese Lehre fasziniert Menschen in Europa. Wer sich aber nicht ausreichend über diese östlichen Religionen informiert, übersieht, dass das Wiedergeborenwerden für die Menschen eine Qual ist, sie sehnen sich danach, von der Wiedergeburt erlöst zu werden.

Die jüdische und die christliche Religion haben den Gedanken von der wiederholten Wiedergeburt hier auf Erden nicht in ihre Lehre aufge-nommen. Ach der Islam kennt keine derartige Wiedergeburt.

Das Judentum und das Christentum stellen den anfang- und endlosen Gott dem zeitlich begrenzten Menschen gegenüber. Als begrenztes Geschöpf steht der Mensch in Beziehung zu Gott, er ist nicht auf sich allein gestellt. Sehr schön wird das ausgedrückt in den Psalmen, dem Gebetbuch im Alten Testament, das auch das erste Bundesbuch oder die hebräische Bibel genannt wird. Dort heißt es im Psalm 90 unter anderem: „Ehe die Berge geboren wurden, die Erde entstand und das Weltall, bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du läßt die Menschen zurückkehren zum Staub und sprichst: ‚Kommt wieder, ihr Menschen!‘ Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie ein Wache in der Nacht. Von Jahr zu Jahr säst du die Menschen aus; sie gleichen dem sprossenden Gras. Am Morgen grünt es und blüht, am Abend wird es geschnitten und welkt.......Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig.“ Was wahrscheinlich für die damalige Zeit ein sehr hohes Alter war, erleben heute dagegen immer mehr Menschen als selbstverständlich, denn 90 und 100 Jährige sind keine Seltenheit. Der Beter dieses Psalms schaut auf die Jahre zurück und stellt nicht sehr ermutigend fest: „Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin.“

Ich habe heute nicht den Eindruck, dass alte Menschen nur von Mühsal und Beschwer geplagt sind. Unabhängig von den Erfahrungen des Beters und auch unseren Lebensbedingungen gilt für jede und jeden, die und der einmal das Licht der Welt erblickt hat, dass eben die Tage des Erdenlebens begrenzt sind. Ich komme auf den Anfang zurück. Wir können in unserem Leben nichts noch einmal, wie durchlebt, wiederholen, weil uns die Zeit unaufhaltbar nach vorne drängt.

Gott sei Dank, denn, das muss auch mitbedacht werden, nicht jede Lebensphase möchten wir noch einmal durchmachen müssen. An manche erinnert man sich mit Grauen. Wir gehen auf ein Ziel zu, das uns gesteckt ist. Darum wendet sich derselbe Beter im Psalm 90 mit der Bitte an Gott: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Gemeint ist: Lehre uns bedenken, dass wir zeitlich begrenzt und auch unsere Fähigkeiten nicht unbegrenzt sind. Dann handeln wir weise und klug und werden unser Tun und unsere Unterlassungen einmal auch vor Gott verantworten können.

Ich wünsche Ihnen zu Beginn von 2005, jeden einzelnen Tag des Jahres, der niemals wiederholt werden kann, als einmaliges Geschenk zu leben.

Norbert Krümel, Pfarrer i.R.


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