Wo war Gott?

Als Kind dachte ich, wenn ich Rauch aufsteigen sah aus dem Schornstein unseres Wohnhauses, aus dem der Lokomotive, aus den Fabrikschloten, irgendwann hat er sich in der Atmosphäre aufgelöst und ist weg. Einfach weg. Ich kann mich nicht erinnern, dass in der Schule irgendwann einmal gelehrt wurde, nichts ist einfach weg und nichts mehr. Erst als das Umweltbewußtsein einen breiteren Raum einnahm, die Natur als schutzbedürftig in den Medien dargestellt wurde, begriff ich, nichts auf dieser Welt verschwindet, der Zustand ändert sich nur.

Und was wir Menschen auch aus guten Gründen jetzt in der Natur verändern, kann sich in der Zukunft als Fehler erweisen. Ich erinnere an die große Flutkatastrophe der Oder von 1997, die in dem Jahr sich ereignete, als man das 250 jährige Jubiläum der Eindeichung und Trockenlegung des Oderbruchs durch Friedrich d.Gr. feiern wollte. Die Feierlichkeiten standen vor der Tür, als die Natur sich zurückholte, was man ihr genommen hatte. Zu lange wurde von den Christen der Schöpfungsauftrag, wie er im ersten Buch Mose steht, falsch verstanden, weil er wörtlich genommen wurde. Es wird dem Menschen dort gesagt: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch.“

Nach unseren heutigen Kenntnissen ist mit diesem Auftrag keine willkürliche Herrschaft über die Natur erlaubt, sondern in Verantwortung soll der Mensch die Natur gestalten. Wenn sich aus dem Fehlverhalten der Menschen Katastrophen ergeben, wird schnell nach Gott als dem Allmächtigen gerufen. Aber er ist kein Uhrmacher und kein Klempner, der Schäden behebt.

Inzwischen sind die Fernsehkameras aus Südostasien abgezogen, die Flutkatastrophe mit ihren verheerenden Schäden taucht nicht mehr in den Schlagzeilen der Medien auf, aber sie ist immer wieder noch gegenwärtig. Bei religiösen Menschen hat sie wieder einmal die Frage aufkommen lassen: „Wo war Gott in dieser Situation?“ Andere haben religiöse Menschen gefragt: „Wie kann Gott so etwas zulassen?“

In den Medien konnte man von Theologen die Versuche, unbefriedigende Versuche hören oder lesen, die diese Fragen beantworten wollten. Menschlich sind die Fragen so alt wie die Menschheit überhaupt. Es wird neue Katastrophen geben, und die Frage, ob Gott nicht in seiner Allmacht sie hätte verhindern können, wird neu gestellt werden. Auch in der Bibel quälen sich Menschen mit dieser Frage herum. Menschlich ist es auch verständlich, dass so gefragt wird, weil Katastrophen immer die eigene Existenz bedrohen, und jede Existenz ist ja zeitlich begrenzt, und sie ist beendet, wenn sie einmal beendet ist. In Klammern: in einem Zeitungsartikel las ich, dass die Einrichtung von Strand-paradiesen als Erholungsorte noch gar nicht so alt ist. „Die meiste Zeit war das Meer für den Menschen kein Ort zum Entspannen und Wohl-sein-Lassen....

Das Meer galt als göttlich und allmächtig, es war von blinder und zerstörerischer Kraft.“ Die Menschen hatten Angst vor dem Meer. (Christ in der Gegenwart 7/05 Seite 54) -
Ich denke, bevor man fragt, ob und wie Gott Katastrophen verhindern könnte, sollte man sich ganz bewußt machen, dass unsere Erde, das Weltall, der Kosmos nicht einen Anfang gehabt hat, an dem alles einmal geschaffen wurde und nun bis in alle Ewigkeit ohne weitere Entwicklung starr existiert. Wie unser eigenes Leben sich entfaltet und auch wandelt, so geschieht es mit dieser Welt, sie ist in Bewegung.

Was sich im Laufe von Milliarden Jahren tat, damit unsere Erde für uns die Voraus-setzungen hatte, die uns Leben ermöglichen, das ist auch weiterhin im Gange. In diesem Prozeß sind wir ein winziges Teilchen. Ich bin fasziniert von den Möglichkeiten heutiger Forschung, die mir aber zugleich bewußt machen, wie klein unser Planet ist. Etwa um die gleiche Zeit wie die Tsunami in Südostasien wüteten, erreichte nach circa 7 Jahren Flugzeit eine kleine Sonde den Saturnmond Titan, auf dem Verhältnisse herrschen sollen, wie sie bei uns vor 4 Milliarden Jahren vorzufinden waren. Stellen Sie einmal ein Menschenleben von 80 Jahren den 4 Milliarden Jahren dagegen.

Ich weiß, ich würde sehr trauern, wenn Verwandte oder Freunde unter den Opfern einer Katastrophe wären. Ich müsste den Schmerz aushalten und verarbeiten und Trost suchen. Ich weiß, ich würde mich schwertun, wenn ich durch Katastrophen gesundheitliche Schäden behielte oder großen materiellen Schaden erlitte. Ich meine aber heute, dass ich Gott nicht Schuld an meinem Leid geben könnte und würde. Ich kann und will auch nicht daran glauben, dass Gott mich mit einem solchen Ereignis bestrafen wollte. Gott hat diese Welt geschaffen, deren Zusammenhänge in ihrer Vielfalt und Komplexität ich nicht durchschaue. Diese Welt existiert mit physikalischen und mechanischen Abläufen, die Menschen berücksichtigen und in ihr Leben einbeziehen müssen, denen sie aber auch hilflos ausgesetzt sein können. Nicht gegen alle Risiken können wir uns schützen.

Mir hilft ein Satz aus dem Buch Jesus Sirach, einem Buch der jüdischen Bibel: „Sagten wir noch einmal soviel, wir kämen an kein Ende; darum sei der Rede Schluß: Er (Gott) ist alles! – Wir können ihn nur loben, aber nie erfassen, ist er doch größer als alle seine Werke.“ (Jesus Sirach 43, 27und 28)

Norbert Krümel, Pfarrer i.R.


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