Von der Wichtigkeit meines Lebens

Wir haben vor ein paar Wochen stundenlang am Fernsehen die verschiedensten Sportarten anläßlich der Winterolympiade in Turin mitverfolgen können.
Weniger Beachtung und weniger übertragen wurden im Fernsehen die Paralympics Spiele. Überall werden die Tage bis zur Fußballweltmeisterschaft gezählt. Sicher werde ich auch das eine oder andere Spiel am Bildschirm verfolgen. Was mir in der Berichterstattung bei allen Wettkämpfen auffällt, ist, dass nur der allererste Platz besonders herausgehoben wird. Von manchem Kommentator habe ich schon gehört: „Es ist nur der zweite, es ist nur der dritte Platz geworden.“ Oder: „Dieses Mal hat es nur für den vierten, fünften, sechsten Platz gereicht.“ Oder: „Ganz abgeschlagen, unter ferner sind mitgelaufen.“

Ich freue mich ohne Frage über einen vorderen Platz unserer Sportler und Sport-lerinnen, unserer Mannschaften. Aber ohne die vielen nicht Erst-Platzierten könnte ein großes Sportfest nicht stattfinden. Stellen Sie sich einmal vor: Nur die drei Besten würden laufen. Wie langweilig. Und von all den anderen, die im Hintergrund für dieses Festival arbeiten, erfährt man nichts. Sie sind aber notwendig, ohne dass sie im Fernsehen oder in einer Zeitung erwähnt werden. Das gilt für alle Lebensbereiche.

Am 18.01. erzählt Frankenfeld im Hamburger Abendblatt von einem Besuch im Musical „Tanz der Vampire“: „Das zierliche Vampirmädchen bleckt drohend seine spitzen Zähne und krümmt die Finger mit den scharfen Krallen. Eine blonde Löwenmähne steht steif vom hübschen Köpfchen ab, die Augen blitzen. Fasziniert verfolge ich die geschmeidigen Bewegungen und die ausdrucksstarke Mimik der Vampirin. Ich muss dazu allerdings mein starkes Opernglas nehmen, denn die Tänzerin agiert im Bühnenhintergrund, oft verdeckt von den Kollegen bei dieser Aufführung..... Der jungen Nebendarstellerin muss bewußt sein, dass sie nicht zentral im Rampen-licht steht, dass kaum jemand genau verfolgen kann, was sie da tut. Und doch gibt sie alles.“ Ich meine, jeder Mensch wird irgendwann in seinem Leben einmal an den Punkt kommen, wo er oder sie sich fragt: „ Was bringe ich in diesem Leben für die Gesellschaft ein? Wie gewichtig bin ich.“ Es ist dann wichtig, ein recht gesundes Selbstbewußtsein zu haben, Menschen neben sich zu wissen, die einem bewußt oder unbewußt deutlich machen, ich bin nicht austauschbar, ich bin einmalig.

Das können der Partner, die Partnerin, die Kinder und Enkel, die Menschen im Beruf, die Nachbarn, Freunde usw. sein. Es kann auch der Glaube an Gott helfen, der um meinen Platz, der nicht unbedingt in den ersten Reihen zu finden ist und vermutlich in der Öffentlichkeit niemals sein wird, der also um meinen Platz in dieser Zeit weiß. „Unsere Gegenwart ist umgeben von dem Gott, der treu ist. Unsere Vergangenheit ist zugedeckt von dem Gott, der die Liebe ist. Unsere Zukunft ist verborgen in den Händen des Gottes, der die Hoffnung ist.“ (Sheila Walsh) Welches Gewicht macht mein Leben für die Welt aus? Ich schließe mit einer Fabel von Kurt Kauter, die heißt: „Vom Gewicht des Nichts“ (Als ich diese Gedanken vor etwa 12 Tagen schrieb, lag noch ausreichend Schnee auf den Feldern und die Erinnerung an den Schneefall lebendig.) „Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke“, fragte die Tannenmeise die Wildtaube. „Nicht mehr als Nichts“, gab sie zur Antwort. „Dann muss ich dir eine wunderbare Geschichte erzählen“, sagte die Meise. „Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing; nicht etwa heftig mit Sturmgebraus, nein, wie im Traum, lautlos und ohne Schwere. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und Nadeln meines Astes fielen und darauf hängenblieben. Genau dreimillionen siebenhunderteinundvierzigtausend neunhundertzweiundfünfzig waren es. Als die dreimillionen siebenhunderteinundvierzigtausend neunhundertdreiundfünfzigste Flocke niederfiel – nicht mehr als Nichts, wie du sagst -, brach der Ast ab.“ Damit flog die Meise davon.

Ich lade Sie ein, immer wieder einmal aufmerksam zu achten, wieviele Menschen für Ihr Leben täglich gewichtig sind. Am Tag und auch in der Nacht ermöglichen unzählige und uns unbekannte Menschen Leben. Und auch umgekehrt lade ich Sie ein, sich bewußt zu machen, wie gewichtig Sie für andere sind. Auf einem Podest werden wir deshalb wahrscheinlich nie stehen.


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