Was machst du? – Nichts!

Stellen Sie sich bitte ein bürgerliches Wohnzimmer vor. Der Hausherr sitzt im Sessel, er hat das Jackett ausgezogen, trägt Hausschuhe und döst vor sich hin. Hinter ihm ist die Tür zur Küche einen Spalt breit geöffnet. Dort geht die Hausfrau sehr emsig ihrer Arbeit nach. Ihre Absätze verursachen auf dem Fliesenboden ein lebhaftes Geräusch.–

Es entspinnt sich folgendes Gespräch:

» Hermann «
» ....Ja ....... «
» Was machst du da? «
» ....Nichts.....
» Nichts? Wieso nichts? «
» ...Ich mache nichts.... «
» Gar nichts? «
» .....Nein.... «
(Pause)
» Überhaupt nichts? «
» ...Nein, ich sitze hier.... «
» Du sitzt da? «
» ...Ja....... «
» Aber irgendwas machst du doch? «
» ....Nein... «
(Pause)
» Denkst du irgendwas? «
» ....Nichts Besonderes.... «

Und so geht dieses Gespräch weiter. Sie haben sicher entdeckt, es ist eins der Sketche von Loriot, in denen er Szenen einer Ehe nachstellt. Mir gefällt diese Szene sehr.

Warum? Der Mann nimmt sich das Recht heraus, einmal nur dazusitzen und wirklich nichts zu tun. Er liest keine Zeitung, keine Illustrierte, er will nicht spazierengehen. Er sitzt dort, weil es ihm einfach nur Spaß macht. Seine Frau kann es nicht verstehen. Und das Gespräch endet schließlich damit, dass beide sich anschreien.

Mir fällt auf, dass eine der häufigsten Fragen, die mir seit der Pensionierung gestellt werden, heißt: „Was machen Sie denn den ganzen Tag mit Ihrer Zeit?“ – Ich merke dann, wie vor meinem geistigen Auge die Woche abspult und ich die einzelnen Termine aufrufe. Der Frager bringt mich in einen gewissen Zwang, ihm zu aufzuzählen, dass ich auch jetzt noch beschäftigt bin. Manches Mal überlege ich, muss ich eigentlich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich an manchen Tagen außer den üblichen Abläufen, wie aufräumen, Essen bereiten keine Verpflichtung habe?

In unserer Gesellschaft ist immer Aktivität angesagt. Aus den drei Fernsehprogrammen sind es über dreißig geworden, aus denen ich auswählen muss. Ich bekomme in jeder Woche vier Zeitungen, die ich nicht bestellt habe. Sie werden mir einfach in den Briefkasten gesteckt. Wenn ich auf meinen Briefkasten schreibe: „Bitte keine Werbesendungen“, dann finde ich sie in der Zeitungsröhre und muss doch sie entsorgen.

Ich fahre viel mit der U-Bahn. Auf den Plakaten schreien mir unzählige Angebote von Veranstaltungen entgegen, die ja nicht uninteressant sind. Mein Lebensmittelhändler macht in regelmäßigen Abständen Schlemmerabende, zu denen er die Kundschaft natürlich gegen Bezahlung einlädt. Muss ich mich dort sehen lassen? Wenn ich essen will, gehe ich in eine Gaststätte. Auf der Tagung der Geistlichen Beiräte habe ich erfahren, dass z.B. der Diözesanverband Münster in jedem Monat für Mitglieder des Kreuzbundes neben den wöchentlichen Gruppenstunden wenigstens zwei Angebote macht.

Vielleicht haben Sie in diesem Jahr beobachtet, an wie vielen Events, so das neue Wort für Höhepunkte, Sie in diesem Sommer an der Alster und im Hafen teilnehmen konnten und in den letzten Wochen dieses Jahres noch teilnehmen können. Neulich traf ich mich mit einer Bekannten auf dem Rathausmarkt, und wir beide staunten, dass dort keine Buden und Stände aufgebaut waren. Der Platz war wirklich leer. Man konnte das Rathaus auch von der gegenüberliegenden Seite anschauen.

Sie und ich könnten im Aufzählen der Angebote von Veranstaltungen fortfahren, mit denen sich die Freizeit füllen läßt. Damit leben wir, und ich sage das nicht resignierend. Die Fülle ist großartig. Sie regt an, die Vielfalt und Buntheit unseres Lebens zu entdecken und sich daran zu erfreuen.

Um aber nicht in Hetze zu geraten und Angst zu bekommen, etwas Wichtiges oder noch Wichtigeres zu verpassen, muss ich aus den Angeboten auswählen. Meine Zeit und mein Geldbeutel sind begrenzt. Auch meine Aufnahmefähigkeit wird mit zunehmendem Alter geringer. Um nicht oberflächlich zu leben, braucht der Mensch Zeiten der Ruhe und auch Zeiten des Nichtstuns. Und das ist keine Frage des Alters. In unserem Tagesablauf ist dafür der Abend da, im Wochenrhythmus der Sonntag. Im Schöpfungsbericht der Bibel hat der Sonntag keinen Abend. Gott selbst geht in die nicht endende Ruhe ein. Er lädt uns zur Ruhe ein. In wenigen Wochen begehen wir wieder den Advent. Diese Tage bieten sich von ihrem Sinn an, zur Ruhe zu kommen und auch das Nichtstun einmal zu pflegen. Aber Ruhe läßt sich nur im Krankheitsfall verordnen. Ansonsten müssen wir ganz persönlich uns Ruhe verordnen. Wir müssen aus den schon beinahe unüberschaubaren Angeboten auswählen und ohne Bedauern verzichten. Immer wieder müssen wir das Nichtstun üben. Nichtstun ist nicht Zeitung lesen, nicht Musik hören, nicht in Gedanken schon ein Gespräch vorbereiten. Nichtstun läßt sich vielleicht mit dem umschreiben, was Hermann tut. Er döst vor sich hin, ist nur bei sich und sammelt Kräfte.


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