Wer verzichtet - kann feiern

Eine Frau meiner ehemaligen Gemeinde war für den Blumenschmuck in der Kirche zuständig. In jedem Februar oder März sagte sie mir: „Vor Ostern stelle ich keine Osterglocken in die Kirche. Das widerstrebt mir.“ – Sicher ist Ihnen aufgefallen, aber schon gar nicht mehr erwähnenswert, dass wir uns zu jeder Jahreszeit beinahe alles kaufen können, was Generationen vor uns nur bekamen, wenn es der Natur entsprechend auf dem Feld oder im Garten geerntet werden konnte. Tulpen zu Weihnachten. Sommerblumen zu Ostern. Im September Marzipan und Spekulatius. Kurze Zeit nach Weihnachten Osterhasen. Dank der Tiefkühltruhe sind wir bei Obst und Gemüse unabhängig davon, ob jetzt die Zeit dafür ist.

Hering und Scholle sind nicht an die Fangsaison gebunden.
Ich erinnere mich, und Sie werden es auch tun, dass zuhause jede Jahreszeit ihren Reiz hatte. Man musste warten, bis z.B. die Tomaten reif waren. Man musste warten, auch wenn man auf ein ganz bestimmtes Essen Appetit hatte.
Die fast unbegrenzten Möglichkeiten von heute haben unseren Lebensstil verändert.

Ich meine, und darüber kann man privat auch einmal reden, dass es kaum noch wirkliche festliche Höhepunkte gibt. Die Abläufe der Feste unterscheiden sich nicht sehr. Um nur ein Beispiel herauszugreifen. Die Bufetts auf Familienfeiern ähneln sich. Wir haben uns auf ein Mittelmaß eingependelt. Ich weiß nicht mehr, wie alt mein Neffe war, als er einmal bei einem Besuch mich fragte: „Wie feiert man ein Fest?“ Zuerst war ich sprachlos.
Und mir kam der Gedanke, feiern hat auch etwas mit verzichten zu tun. Wer nicht verzichten kann, kann nicht feiern.

Menschen, die einmal für einige Zeit gefastet haben, vielleicht auch nur, weil sie Gewicht verlieren wollten, erzählen, wie sie nach der Fastenzeit ganz bewußt und voller Genuß gegessen haben. Wie sie den Duft in der Nase wahrgenommen haben, das Essen sich auf der Zunge zergehen ließen. Die Speise verkostet haben.

Die Kirchen laden in den Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern zu einer Fastenzeit ein. Sie haben sicher von der Aktion „Sieben Wochen ohne“ gelesen und gehört. Zwei Wochen liegen bis Ostern noch vor uns.

Das strenge Fasten, wie es von früher überliefert ist, wird heute kaum gehalten. Wir sprechen eher von einem bewußten Verzicht auf Gewohntes. Warum wird zum Verzicht eingeladen und aufgefordert? Menschen, die sich zum Beispiel beim Essen einschränken, beim Trinken, Rauchen, Fernsehen, Internet usw., erzählen dann, dass ihnen aufgegangen ist, wovon sie abhängig geworden sind, wie ihr Leben stets und ständig um diese Dinge kreisen. Sie entdecken durch den Verzicht für sich neue Werte, die ihnen mehr bedeuten als Essen und Trinken. Sie erleben Zeit, um miteinander zu sprechen, zu spielen, spazieren zu gehen, zu lesen. Ihr Leben bekommt eine neue Gewichtung.

Diese Wochen können dadurch zu einer Vertiefung der Fragen führen, woher komme ich, wohin bin ich unterwegs, wem verdanke ich, dass ich bin und so bin, wie ich bin, was ist für mich wichtig. Und das kann dann dazu führen, an Gott zu denken. Vielleicht hilft einem ein Gebet, das man kennt, vielleicht ein Bibelspruch, der zur Konfirmation mitgegeben wurde. Vielleicht nimmt man auch die Bibel zur Hand. Und man wird auf jeden Fall wieder ein Fest feiern können. Wer verzichtet, kann feiern. Ostern ist in zwei Wochen.


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