Hab` doch Geduld

Spätestens seit dem letzten Samstag (24.06.) weiß jede und jeder, wer Lukas Podoldski ist, selbst wenn man sich nicht für die Fußball-Weltmeisterschaft interessiert. Sollte tatsächlich jemand ihn nicht kennen, er schoß mit zwei Toren die Deutsche Mannschaft ins Viertelfinale.

Bis dahin konnte man in den Zeitungen eine Menge Kritisches über ihn lesen, aber der Bundestrainer hatte sich immer vor ihn gestellt und gesagt, dass für Podolski die Zeit kommen würde, man müsse Geduld haben.
Das regte mich an, Ihnen heute ein paar Gedanken über die Geduld vorzulegen. Es sind Bruchstücke, über die Sie miteinander sprechen können und sollten. Auf keinen Fall berücksichtige ich alle Gesichtspunkte, die dazugehören. Ob Sie zu den geduldigen oder ungeduldigen Menschen gehören, weiß ich nicht. Die Geduld ist zumindest eine so wichtige Angelegenheit in unserem Leben, dass Sie auf 1.640.000 Seiten im Internet Gedanken oder Zitate oder Abhandlungen über die Geduld finden.

Ich habe nur ein paar Seiten geöffnet.
Geduld hat etwas mit der Fähigkeit zu warten zu tun. Es irrt, wer meint, dass Geduld mit Bequemlichkeit, Faulheit, Lässigkeit, und Trägheit gleichzusetzen ist. Geduld verlangt Einsatz, Strebsamkeit, Wille und damit verbunden eine ganze Portion Gelassenheit, den Erfolg nicht erzwingen wollen und ihn erst einmal zurückstellen. Von sich als Kindern oder Ihren eigenen Kindern kennen Sie das Phänomen, wenn man etwas gesät hat, möchte man am nächsten Tag wissen, wieweit der Samen schon aufgegangen ist und gräbt nach. Die nächsten Schritte aber muss man lernen: gießen, Unkraut jäten, immer wieder ein Auge auf die aufgehende Saat, den Fruchtansatz werfen und alles bis zur Ernte begleiten.

Es begann ja schon mit unserem Leben so. Neun Monate mussten unsere Eltern warten, bis wir das Licht der Welt erblickten. Geduld war nötig, bis wir die ersten Schritte auf den wackligen Beinen machten, bis sie uns allein auf die Straße lassen konnten. Andere Personen kamen hinzu, die Geduld aufbringen mussten, bis wir schreiben und lesen konnten.

Geduld mussten wir auch mit uns selbst haben. Wir mussten immer wieder üben, ob das Gehen oder Lesen oder ein Instrument spielen oder sich im Sport verbessern. Wenn wir die Geduld verloren, ermutigten uns andere: Hab Geduld, und sie bewahrten uns davor, von einer Sportart zur anderen zu wechseln, von einem Instrument zum anderen. Sie verhalfen uns zur Ausdauer.

Geduld ist der einen mehr und dem anderen weniger mitgegeben. Aber Geduld ist nicht nur eine Frage des Temperaments. Geduld muss immer wieder eingeübt werden in Beharrlichkeit, Ausdauer, Mut zu kleinen Schritten und Hoffnung auf ein gutes Ergebnis. Im Zusammenleben wird die Geduld, die jemand aufbringen muss, manches Mal auf eine harte Probe gestellt.

Und dabei fällt mir ein, dass es auch ein Ende der Geduld geben kann. Redensarten, wie „Mir reißt der Geduldsfaden“, „Nun ist meine Geduld am Ende“, „Schluß mit der Geduld“ zeigen, es gibt eine Grenze für die Zeit der Geduld. Und das zu recht, denn Geduld kann auch mißbraucht werden. Ein anderer nutzt die Geduld seines Gegenübers aus. Geduld kann den anderen ermutigen, sich nicht zu ändern, eine Sache nicht in Gang zu setzen. Man bewegt sich da sicher auf einem schmalen Grat, wenn man die Entscheidung fällen muss, bis hierher und nicht weiter bin ich geduldig.

Als ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, sprach ich mit einer Frau über die Geduld. Sie hat in ihrem Beruf immer mit Menschen zu tun gehabt, die Hilfe suchten. Sie sagte mir, sie habe sehr viel Geduld aufbringen müssen und auch aufgebracht. Aber mit sich selbst habe sie manches Mal wenig Geduld. – Die Geduld mit sich selbst gehört in diese Überlegung hinein. Einen ersten Prozess machten wir als Kinder durch. Damals halfen uns die Erzieher. Als Erwachsene gehört das zur Selbstdisziplin.

Auf eine große Probe wird der Mensch gestellt, wenn ein Heilungsprozeß nur ganz langsam vorangeht, wenn die Heilung sich kaum merklich vollzieht. Ich erlebe es derzeit bei einer befreundeten Familie, in der die Frau schon seit Wochen gezwungen ist, sich zu gedulden, weil die Wunde nur sehr langsam heilt. Sie wird immer ungeduldiger, und ihr Mann muss nun sich in Aufgaben einüben, die sie ihm bisher alle abgenommen hat.

Ich denke, Sie werden als Betroffene oder Angehörige Erfahrungen mit der Geduld gesammelt haben. Es werden dabei Erinnerungen aufleben, wie Sie das geschafft haben. Dankbar dürfen alle sein, denen es gelang, Geduld zu üben. Fertig wird man mit dieser Übung aber nie.


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