Du sollst nicht lügen!

Die Landtagswahlen in diesem Frühjahr haben uns vor Augen geführt, wie sehr wir davon leben, dass die Wahrheit gesagt wird. Und es ging mit dem Vertrauensbruch weiter. Der Postchef und andere hinterziehen Millionen und verlieren ihre Glaubwürdigkeit und ihren Vorbildcharakter. Banken geraten in die Nähe des Konkurses und missbrauchen das Vertrauen ihrer Kunden.

Beziehungen sind gestört, wenn wir uns nicht auf das Wort des anderen verlassen können. Es wächst Misstrauen und letztlich Unsicherheit im Umgang miteinander. Stimmt, was mir gesagt wird? Muss ich zunächst misstrauisch eine Äußerung aufnehmen?

Und natürlich gleichermaßen muss ich die Wahrheit sagen und mein Verhalten wahr sein, was der andere von mir erwartet. Inwieweit bin ich ehrlich?

Wir haben uns daran gewöhnt, dass z.B. in der Werbung mit der Wahrheit anders umgegangen wird als im persönlichen Kontakt. Parteien und Politikern wird mehr oder weniger immer unterstellt, dass sie es mit der Wahrheit nicht besonders ernst nehmen. Nach einer Wahl sieht es anders als vor der Wahl.

In einer Tageszeitung vom letzten Donnerstag konnte man unter der Überschrift: „Die Geschichten der Hillary von Münchhausen“ lesen. – Man bescheinigt Hillary Clinton – so wörtlich – „eine unglaubliche Fähigkeit zu lügen“.

Bevor wir aber mit Steinen auf sie und andere werfen, sollte jede und jeder vor der eigenen Haustür kehren. Unter dem Stichwort: Wie oft lügt ein Mensch? habe ich im Internet nachgesehen und gefunden, dass es dort heißt: bis zu 200 mal am Tag. Eine doch beachtliche Menge.

Niemand wird von sich behaupten, immer bei der Wahrheit geblieben zu sein bzw. zu bleiben. Und die oder der für sich in Anspruch nimmt, nie zu lügen, lügt.
Das gelingt nicht einmal Tobias.


Tobias und die Lügner -
Ein modernes Märchen

Tobias ging im Walde so vor sich hin, als ihn plötzlich ein gräßliches Winseln aus seiner goethischen Weltschau rief. Er lief den Tönen nach und entdeckte einen braunen Airedaleterrier, der sich in einer Schlinge gefangen hatte, wie sie Wilderer auszulegen pflegen.

Tobias befreite das Tier und war nicht wenig erstaunt, als es vor ihm sitzen blieb und sagte: „Ich danke Ihnen, mein Herr. Sie sehen in mir nicht einen x-beliebigen Hund, sondern den staatlich geprüften Oberzauberer Abuhel, den es gelüstete, in der Gestalt eines Hundes zu lustwandeln. Leider war mir die Zauberformel für Schlingenlösen nicht mehr gegenwärtig. Ich wäre, verehrter Herr, eines elenden Todes gestorben, wenn Sie mich nicht befreit hätten. Als Dank sei Ihnen ein Wunsch gewährt, der sich Ihnen alsbald erfüllen wird.“

Tobias, der kein Materialist war, besann sich nicht lange und sagte: „Ich möchte, dass morgen für alle Menschen, die in meiner Stadt wohnen, und die eine Lüge aussprechen oder schreiben, die Schwerkraft aufgehoben wird!“

„Es sei!“ sprach Abuhel mit Donnerstimme und war wie vom Waldboden verschwunden.

Am andern Tage ereigneten sich in der Stadt furchtbare Dinge. Es begann damit, dass Tobias’ Wirtin ihm den Morgenkaffee ins Zimmer brachte und sagte: „Heute habe ich ein paar Bohnen in den Kaffee getan“ - da flog sie wie ein Luftballon an die Decke, wo sie schweben blieb, bis es nachts zwölf Uhr schlug.

Der dickbäuchige Herr Knotzke, der Tobias auf der Straße begegnete, ihm beide Hände schüttelte und sagte: „Wie ich mich freue, Sie einmal zu sehen“, freute sich nicht lange; denn kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, da flog er in die Luft und der Wind trug ihn von dannen.

Als Tobias endlich bei seinem Tabakwarenhändler einkaufte und der ihm erklärte, er nage seit der Währungsreform am Hungertuche, flog er so heftig gegen die Zimmerdecke, dass er sich ernstlich verletzte.

Es ging in der Stadt turbulent zu. Die meisten Geschäftsleute hingen an der Decke. Aber auch ein großer Teil der Kundschaft schwebte nach oben.

Bei der Zeitung löste sich ein Maschinensetzer nach dem andern von seinem Arbeitsplatz und flog davon, den in aller Frühe schon verschwundenen Redakteuren nach. Als der Chefredakteur mit einem Minister telefonierte und ihm sagte, seine Artikel seien zwar ausgezeichnet, aber -- da brach die Verbindung plötzlich ab, weil der Redakteur so heftig nach oben gezerrt wurde, dass die Telefonstrippe riß.

Eine ganze Straßenbahn flog in die Luft, weil der Schaffner gesagt hatte, er könne keinen 5 DM Schein wechseln.

Auf dem Wohnungsamt hingen außer einer taubstummen Frau sämtliche Beamten und alle Besucher an der Decke.

Ein Minister durchbrach mit den Worten „Ich bin ein unabhängiger Mann“ mit Donnergepolter das Dach des Ministeriums. Um die Mittagszeit stand niemand mehr auf dem Boden der Tatsachen. Im Parlament flog ein Redner nach dem andern gegen die Kuppel, in der die Abgeordneten in dicken Trauben hingen. Und als ein Parteiführer seine Ansprache mit den Worten: „Meine Partei bekennt sich unumwunden zur echten Demokratie“ begann und ihm seine Genossen den befohlenen, einstim-migen Beifall zollten, durchbrach die Fraktion geschlossen das Glasdach des Sitzungssaales und wurde vom Westwind in den gelobten Osten getrieben.
Die Menschen entschwebten wie Vogelschwärme, oder sie hingen, wenn sie das Glück hatten, sich in geschlossenen Räumen zu befinden, an den Decken. Einzig ein paar Nonnen, uralte Beamte und schlohweise Geschäftsleute waren noch der Schwerkraft unterworfen, sofern sie nicht so unvorsichtig waren, an diesem Tage ihre Steuererklärung abzugeben.
Liebespaare wurden bei den ewig-süßen Worten „Ich liebe dich!“ auseinandergerissen, weil der Partner, der sie sprach, meistens spornstreichs in die Wolken entschwebte.

Briefschreiber lösten sich spätestens bei der Schlussfloskel „Mit vorzüglicher Hochachtung“ von ihren Sitzen.

Schon kurz nach Sonnenaufgang waren alle Parteifunktionäre in höheren Regionen, ganz zu schweigen von denen, die an diesem Tage eidesstattliche Erklärungen abzugeben hatten.

Ein Staatsanwalt, der einem Schieber erklärte, er habe in den schlimmsten Zeiten auf normale Marken gelebt, zog sich an der Decke des Gerichtssaales einen Schädelbruch zu. Zeugen brachen sich beim Schwören die Finger am Plafond.
Am Abend war die Stadt wie ausgestorben. Der Tag hatte selbst in den Reihen der Geistlichkeit große Lücken gerissen. Einzig ein paar Kinder, die noch nicht sprechen konnten, alle Tiere, die Insassen des Irrenhauses außer dem Pflegepersonal, einige Dichter und Schauspieler und Betrunkene blieben der Schwerkraft unterworfen, die letzteren sogar in erheblichem Maße.

Tobias selbst hielt sich recht und schlecht bis kurz vor Mitternacht, als er zu sich selbst sagte, er hätte diesen Wunsch nicht geäußert, um seine Mitmenschen zu strafen, sondern zu bessern. Da flog er sanft gegen den leise klingenden Kronleuchter.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt, Nr.23, 1959
wiedergegeben in: Martin Haug, "Er ist unser Leben",
Materialsammlung für die Verkündigung, S.540f.


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