„.....wie auch wir unsern Schuldnern vergeben“

Am letzten Montag (23. Juni) begann in München der Prozess gegen zwei junge Männer, die vor Weihnachten 2007 auf dem Bahnsteig der Münchner U - Bahn einen pensionierten Schulleiter brutal überfallen und zusammengeschlagen hatten. Mit Schlägen und Tritten gegen den Kopf war er lebensgefährlich ins Krankenhaus gekommen. Die Verletzungen waren so schwer, dass das Opfer bis heute Schwierigkeiten beim Aufstehen hat und sich mit Lesen und Schreiben schwer tut. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen versuchten Mord vor. Nun haben die beiden Täter sich vor Gericht bei dem Opfer entschuldigt. Diese Entschuldi-gung ist meines Erachtens von der Verteidigung angeregt und ausgegangen, um einen minder schweren Fall zugunsten der Angeklagten zu erreichen. Anlaß war, dass das Opfer sie in der U - Bahn aufforderte, das Rauchen zu unterlassen. –

Immer wieder hören und lesen wir von ähnlichen Fällen, wenn auch nicht mit derartig schlimmen Folgen.

Es kann so etwas also mir oder einem Mitlied meiner Familie oder jemanden aus dem Bekanntenkreis zustoßen. Wenn der oder die Täter dann nüchtern sind, die Wirkung der Droge vorüber ist, entschuldigen sie sich, das Opfer fast totge-schlagen zu haben. Das Opfer aus München hat die Entschuldigung nicht angenommen.

Innenminister Wolfgang Schäuble wurde am 12. Oktober 1990 von einem psychisch kranken Mann niedergeschossen und ist vom 3. Brustwirbel abwärts gelähmt. Fünf Jahre später entschuldigte sich der Attentäter brieflich und über den Rundfunk.

Papst Johannes Paul II. wurde am 13. Mai 1981 von einem türkischen Rechtsextremisten mit drei Schüssen schwer verletzt. Aufsehen erregte der Papst, als er den Attentäter nach der Genesung im Gefängnis besuchte. Schon auf dem Krankenbett hatte er ihm vergeben.

Ich habe mich gefragt, wie würde ich reagieren, wenn mir oder jemanden aus meiner Familie oder meinem Bekanntenkreis so ein Unglück zustieße? Auszuschließen ist der Fall heute ja nicht.

Als Christ finde ich das erste und größte Beispiel für Vergebungsbereitschaft in Jesus, der am Kreuz hängend betet: „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34) So überliefert nur der Evangelist Lukas.

Als Stephanus einer der ersten Christen gesteinigt wird, betet er, wie in der Apostelgeschichte steht: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu.“ (Apg 7.60)

Die Frage nach der Vergebung hat schon die engsten Mitarbeiter Jesu, die Apostel beschäftigt. Es hieß und heißt ja: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (Ex 21,24). Damit waren dann wieder klare Verhältnisse geschaffen. Bei Jesus haben sie Neues gelernt, aber hat Vergebung nicht auch eine berechtigte Grenze? Petrus fragt einmal, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?

Und er nennt schon eine bedeutende Anzahl, nämlich siebenmal. Zur Antwort bekommt er: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,22)

Was sonst noch an Aufforderungen zur Vergebung in der Bibel steht, lasse ich hier weg und überlasse es der persönlichen Nachforschung.

Ein Hinweis aber darf nicht fehlen. Wir glauben, dass wir letztendlich nicht nur von der Vergebung unserer Mitmenschen leben, sondern dass Gott uns unsere Vergehen vergeben muss. Jesus knüpft im Vaterunser Gebet, das alle Christen gemeinsam haben, die Bitte um Vergebung durch Gott an unsere Vergebung gegenüber dem Nächsten. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ -

Würde ich in einem Extremfall vergeben, eine Entschuldigung annehmen können?

Ich hoffe, ich komme nie in diese Situation. Sollte ich jedoch in sie kommen, traue ich mich nicht, mich jetzt festzulegen. Ich kenne meine Entscheidung heute noch nicht.


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