"Hoffnung – Frühaufsteherin am schwärzesten Tag"

Im Geistlichen Wort für unsere Sitzung im November 2008 habe ich ein paar Gedanken zum Thema „Vertrauen“ vorgelegt. In den Herbstmonaten sprach man angesichts der Finanzkrise und sich abzeichnenden Wirtschaftskrise von Vertrauen, das wieder hergestellt werden müsste. Ich hatte damals gesagt:

„Auch wenn Sie sich vielleicht noch niemals oder wenig theoretisch über das Vertrauen Gedanken gemacht haben, wissen Sie wie ich, Leben ist nur möglich, wenn man ohne ständige Überprüfungen ganz selbstverständlich Menschen und Institutionen vertrauen kann.“ Neulich las ich über Obamas erste Tage seiner Amtszeit, dass er für seine Politik um Vertrauen warb. Recht oft im Leben, muss man Vertrauen auf Vorschuß geben. –

Heute möchte ich ein paar Gedanken zum Thema „Hoffnung“ vorlegen. Mir scheint, dass in den letzten Wochen unter den Menschen mehr von der Hoffnung als vom Vertrauen die Rede ist. Hoffnung, dass alles nicht zu schlimm werden wird; dass der Arbeitsplatz erhalten bleibt; dass man sich auch zukünftig den heutigen Lebensstandard leisten können wird. Hoffnung bedeutet also eine positive Erwartungshaltung. Ein Mensch hofft, in der Zukunft wird eintreten, was ihm jetzt wünschenswert erscheint. Zwar gibt es dafür noch keine Gewissheit, dass alles so eintreffen wird, aber die Hoffnung weckt Kräfte für den Tag und darüber hinaus. Wenn ein Mensch feststellen müsste, meine Situation sei hoffnungslos, dann bedeutete das auch sein Ende.

In der Morgenandacht in NDR Kultur vom 05. Februar 2009 macht sich Frau Ruth Kreuzberg aus Osnabrück zum Thema Hoffnung Gedanken. Sie greift das Wort von Rainer Kunze auf. „Hoffnung – Frühaufsteherin am schwärzesten Tag.“ (Ich habe Erlaubnis, diese Morgenandacht zu übernehmen.)

Sie sagt:
„Seit fast 40 Jahren steht auf meinem Schreibtisch ein kleines Pappschild. Mit etwas ungelenken Fingern hat ein Student darauf ein Wort von Rainer Kunze geschrieben und mir geschenkt: „Hoffnung - Frühaufsteherin am schwärzesten Tag.“

Der Volksmund sagt eine ähnliche Erfahrung mit einem dunkleren Wort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Das mag stimmen. Aber das Dichterwort ist stärker, ermutigender. Wer mag schon an einem schwarzen Tag überhaupt aufstehen? Und dann auch noch früh, vor Tagesanbruch, bevor das Elend zu sehen ist und die Gefahr auf einen zukommt: Die Hoffnung! Sie nimmt es auch mit dem schwärzesten Tag auf. Sie zieht sich nicht die Bettdecke über den Kopf. Sie lässt sich nicht abschrecken oder vertreiben. Sie stößt die scheinbar verschlossene Tür ins Leben auf und schaut unbeirrt nach, was dahinter ist, was sie erwartet. Und sie geht darauf zu. „Hoffnung - Frühaufsteherin am schwärzesten Tag.“

Wie oft ist mir dieses kleine Pappschild zu Hilfe gekommen, wenn ich über einem schwierigen Brief brütete oder in langen Telefongesprächen nach einem Ausweg aus scheinbar unlösbaren Problemen suchte. Festhalten an der Hoffnung. Sie war längst vor mir wach und da. Hoffnung hat den GULAG und die Berliner Mauer überwunden. Hoffnung weckt neue Kräfte: Ausdauer, Beharrlichkeit im Guten, Treue. Der Völkerapostel Paulus, der Höhen und Tiefen des Lebens durchlitten hat, spricht sogar von der Hoffnung wider alle Hoffnung. Auch da, wo scheinbar kein Lichtstrahl mehr ist, - am schwärzesten Tag, auch da lebt sie immer schon, die Hoffnung. „Hoffnung - Frühaufsteherin am schwärzesten Tag.“

Jede und jeder von uns kennt solche Tage. Und sicher wird in unserem Leben noch manch ein Tag vor uns liegen, der gelebt werden kann, weil die Hoffnung schon aufgestanden ist.


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