Ratschläge

Wenn unser Bruder Klaus und seine Frau ein Familientreffen mit ihren Kindern veranstalten, dann kommen 17 Menschen zusammen. Sie haben vier verheiratete Söhne und inzwischen zwei Enkelinnen und fünf Enkel. Ein Sohn hat ein neues Haus gekauft, und die Eltern und Schwiegereltern halfen beim Umzug. Unser Bruder erzählte mir von diesem Unternehmen. Eins muss ihn dabei nachhaltig beschäftigt haben, weil er es mir erzählte, und ich fand es bemerkenswert. Seine Rat- und Verbesserungsvorschläge für den Umzug wurden nicht sehr geschätzt. Um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen und sich auch nicht unterlegen zu fühlen, ist er schließlich in den neuen Garten gegangen und hat sich dort nützlich gemacht.

Vor einiger Zeit hörte ich Altkanzler Helmut Schmidt in einem Interview sagen, dass er sich mit anderen ehemaligen Staatenlenkern treffe, aber die gerade Regierenden hätten nie oder ganz selten sie einmal um Rat gefragt.
Ich beobachte diese Erfahrung sehr häufig.

Das fällt einem erst beim Älterwerden auf. Auf der einen Seite ist man froh, nicht mehr im laufenden Tagesgeschäft Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen zu müssen, auf der anderen Seite wundert man sich, dass die reichen und großen Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens gemacht hat, nicht abgefragt werden.

In eingeschränktem Maße gilt das auch schon vor dem Rentenalter. Im Beruf ziehen Jüngere eines Tages an einem vorbei. Bei der Erziehung der Enkel ist ein Rat nicht unbedingt erwünscht.
Der amerikanische Rechtsanwalt Max Ehrmann (1872-1945) schreibt 1927 ein Gedicht mit dem Titel: Desiderata, was soviel wie Wünsche oder Segenswünsche bedeutet.

Eine alte Legende behauptet, der Text stamme aus der Old St. Paul’s – Kirche in Baltimore, England von 1692. – Es sind meiner Ansicht nach Ratschläge, und zwar zunächst für einen selbst. Sie werden nur ganz langsam umgesetzt werden. Man muss sie immer wieder in kleinen Schritten üben.

„Sei gelassen inmitten von Lärm und Hast und denk an den Frieden, der in der Stille liegen kann. Soweit dies möglich ist, ohne dich selbst aufzugeben, vertrage dich gut mit allen Leuten. Sag deine Wahrheiten ruhig und klar und höre die anderen an, sogar die Dummen und Unwissenden; auch sie haben etwas zu erzählen. Meide laute und angriffige Personen; sie stören den Geist. Wenn du dich mit anderen vergleichst, magst du eitel oder bitter werden; denn es wird immer größere und kleinere Menschen als dich geben. Geniesse, was du erreicht hast und freue dich deiner Pläne. Bleibe voll Interesse an deinem Beruf, was er auch immer sein mag; er ist ein wirklicher Besitz im Wandel der Zeiten. Nimm deine Geschäfte immer mit Umsicht wahr, denn die Welt ist voller Arglist. Aber lass deine Augen darob nicht blind werden für das, was an Tugenden vorhanden ist; viele Menschen streben nach hohen Idealen, und überall ist das Leben voll Heldenmut. Sei dir selbst treu. Täusche insbesondere keine Zuneigung vor. Sei auch nicht zynisch der Liebe gegenüber, denn sie ist angesichts aller Härten und Enttäuschungen so beständig wie das Gras.

Nimm das, wozu dir die Jahre raten, gern entgegen und gib die Dinge deiner Jugend mit Gelassenheit auf.
Pflege die Zucht des Geistes, damit du in einem plötzlichen Schicksalsschlag gewappnet bist. Aber mach dich nicht unglücklich mit Dingen, die du dir einbildest. Manche Furcht hat ihren Ursprung in Müdigkeit und Einsamkeit. Außer einer gesunden Selbstdisziplin – sei nett mit dir selbst. Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als es Bäume und Sterne sind. Du hast ein Recht darauf, hier zu sein. Und ob du es begreifst oder nicht, das Universum entfaltet sich so, wie es sollte. Leb deshalb in Frieden mit Gott, wen immer du dafür hältst, und leb in Frieden mit deiner Seele, was immer dein Tun und Streben im lärmenden Durcheinander des Lebens sei. Trotz aller Plackerei, aller Enttäuschungen und aller zerbrochenen Träume: die Welt ist doch schön.“

Und für diese Schönheit wünsche ich Ihnen in der kommenden Zeit offene Augen und Ohren und Herz.


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