"Eine Wanderung"

Ein Ausspruch von Johann Gottlieb Seume hat es mir angetan. Er wanderte vor rund 200 Jahren von Sachsen nach Syrakus. Er sagte: „Wer geht, sieht mehr als wer fährt. Feine Leute mögen darüber ihre Glossen machen. Das ist mir gleichgültig. Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“
Ich bin sehr gerne gewandert und auch lange Strecken. Meinen Traum, den Jakobsweg nach Santiago de Compostella in Nordspanien zu wandern, habe ich nicht umsetzen können. Sie erinnern sich vielleicht an das Buch von Harpe Kerkeling „Dann bin ich mal weg“, in dem er die Erfahrungen dieser Wanderung niedergeschrieben hat.
Ich bin zu zweit gewandert und sehr oft mit Jugendgruppen in den Bergen. Dabei konnte ich nachdenken: über den Weg, meine Körperfunktionen, die Erlebnisse in den Begegnungen mit anderen.
Ich fand Vergleiche zum Alltag, Hinweise auf meinen Glauben, Hilfen für den Umgang mit anderen, Mut für einen neuen Anfang.
Vor Jahren habe ich einmal Beobachtungen aus Wanderungen zusammengefaßt. Wandern Sie mit.

Ich gehe los. Gut ausgeschlafen, erholt, gestärkt mit einem guten Frühstück habe ich für den Weg ausreichende Kräfte. Das Gespräch in der Gruppe läuft hin und her. Manches ist nicht ernst gemeint.

Eine Arbeit, die man neu beginnt, scheint mühelos, macht anfangs Spaß und fällt leicht.

Die ersten kleinen Erhöhungen werden noch ohne große Schwierigkeiten genommen. Der Atem geht schon intensiver, aber eine Rast ist noch nicht notwendig, die Schritte werden auch nicht kürzer. Die Gruppe bleibt zusammen.

Nach dem Urlaub läßt sich die Arbeit gut bewältigen. Die ersten Wochen danach leben durch die gewonnenen Kräfte. Es gibt genügend Reserven. Die Mitmenschen sind auch gut zu ertragen. –
Nach großen religiösen Festen oder Erlebnissen kann man leicht beten. Und es gibt genügend Zeit dafür.

Der Weg wird mühsamer. Die Sonne wärmer. Der Schweiß steht auf der Stirn und läuft den Rücken herunter. Einige halten noch den Schritt vom Anfang, andere bleiben schon zurück. Ein paar müssen wiederholt eine Pause einlegen. Aufmunternde Worte reichen nicht mehr aus.

In unserem Leben müssen wir tolerant miteinander umgehen. Einige sind mit ihren Gedanken und Plänen und Vorstellungen weit voraus. Andere hängen am Alten und Hergebrachten. Einige sind ganz ausgestiegen, ihnen ist die Luft ausgegangen. Von manchen verstehe ich die Lebensweise nicht, aber mit ihnen lebe ich. Ich kann sie mir nicht aussuchen. Und natürlich bin ich nicht der Mittelpunkt und das Maß aller.
Ich glaube an Gott, aber andere mehr und andere weniger. Nicht von allen ist das Gleiche zu verlangen.

Eine Gruppe von alten Leuten überholen wir. Wir hören, wie zueinander gesagt wird: Früher machte uns der Aufstieg nichts aus. Jetzt müssen wir hier stehenbleiben und unsere Wanderung beenden.

In ein paar Jahren laufen andere an uns vorbei. Wir werden vieles nicht mehr verstehen und begreifen. Wir sind nur ein Teil dieser Geschichte, die unaufhaltsam weitergeht. Auch der ganz junge Mensch wird mit jeder Minute älter.

Auch auf einer Bergwanderung steigt der Weg nicht ununterbrochen an. Manche Teile sind eben oder fast eben. Man kann verschnaufen, kräftiger ausschreiten, Kräfte sparen.

Leben ist nicht nur anstrengend und mühevoll. Neben den vollen und beladenen Tagen, den Tagen voller Lasten, gibt es Zeiten der Muße, des Gleichklangs, des Normalen, Tage ohne große Überraschungen. –
Zu manchen Zeiten scheint Gott weit weg zu sein. Zweifel drücken, der Glaube brennt auf Sparflamme. Dann gibt es im Glaubensleben Zeiten, in denen der Glaube trägt und beflügelt.

Auf dem Weg wird eine Pause eingelegt. Man schaut auf den Weg zurück und sieht das Ziel vor sich.

Nicht nur das, was noch geschafft werden muss, wird einem bewußt, sondern voll Stolz blickt man auf das, was bereits geschafft ist. Der ältere und alte Mensch sieht auf seinen Lebensweg mit allen Erfolgen und Irrungen zurück.

Die letzte Strecke ist mühsam. Der Atem geht flach. Die Schritte werden immer kürzer. Es wird wenig gesprochen. Man beugt sich vor. Man achtet mehr auf den nächsten Schritt und entdeckt verschiedene Steine mit unterschiedlichen Mustern; Blumen, die mit ganz wenig Mutterboden auskommen; eine sich sonnende Eidechse; eine Schnecke mit Haus.

Menschen, die viel einstecken müssen, Krankheiten durchzustehen haben, einsam geworden sind, ohne dabei zu verbittern oder mit dem Schicksal zu hadern, entdecken das Kleine, Unscheinbare, Übersehene. Kleinigkeiten bekommen Gewicht.

Dann ist das Ziel erreicht. Ausruhen, die Sicht genießen, sich an der Schönheit freuen. Und schließlich wieder Aufbruch.

Nichts läßt sich festhalten. Die Uhr bleibt an keinem Ort stehen. Die Gegenwart wird von der Zukunft abgelöst und wird Vergangenheit. Der frohe und auch der schreckliche Augenblick gehen vorüber.
In einem Gebet heißt es: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“

„Wer geht, sieht mehr als wer fährt. Feine Leute mögen darüber ihre Glossen machen. Das ist mir gleichgültig. Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“

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