Nach der Normalität - 06.11.2011

Ab einem bestimmten Alter erzählt man von früher. Und je älter ein Mensch wird, erzählt er im Kreis der Familie oder der Freunde oder einer Reisegesellschaft immer mehr von dem, was er erlebt, was er erfahren hat, was ihm begegnet ist. Bis jetzt erzählt man sich, was in irgendeiner Art alle kennen und bestätigen, was man in dieser oder jener Weise selbst durchgemacht hat, weil es normal war. Ja früher. Heute ist alles anders. In den letzten Jahren meiner Arbeit in der Pfarrei war der Altersunterschied zwischen mir und den Mitarbeiterinnen immer noch wenigstens 25 Jahre. Damit sie nach den Dienstgesprächen unter sich nicht über den „Alten“ und seinen Erfahrungen herfallen konnten, fing ich dann schon hin und wieder mit dem Satz an: „Opa erzählt jetzt!“

Sie haben zugehört und vielleicht wie ich früher gedacht: „Gott sei Dank, lebe ich heute!“ Was sie miteinander besprachen, hörte ich ja nicht. - Ich habe einen Beitrag von Armgard Seegers aus dem Hamburger Abendblatt vom 22. Oktober dieses Jahres mit Interesse gelesen, aus dem ich einiges zitiere oder zusammenfasse und ergänze. Sie überschreibt den Artikel: Das Ende der Normalität.

1953 schreiben die deutschen Bischöfe in einem Hirtenwort zur Neuordnung des Ehe- und Familienrechts: Wer grundsätzlich die Verantwortung des Mannes und Vaters als Haupt der Ehefrau und der Familie leugnet, stellt sich in Gegensatz zum Evangelium und zur Lehre der Kirche.

Im Benimmbuch von Erica Pappritz von 1966 heißt es: Eine Dame darf nur bei einem von der Tanzleitung als Damenwahl angekündigten Tanz einen Herrn auffordern, und zwar nur solche Herren, die schon mit ihr getanzt haben. Was normal war, musste von in meiner Kindheit bis ins Erwachsenenalter nicht diskutiert werden. Fiel jemand aus der Rolle und lebte anders, hieß es: „Das ist doch nicht normal.“ „Normal war, dass die Eltern verheiratet waren, dass man seine Freunde außerhalb des Hauses traf und nicht online, dass man eine Ausbildung machte, um danach berufstätig zu sein und nicht Praktikant. Dass es drei Parteien gab, die sich in ihren Programmen unterschieden; dass maßlose Verschwendung, anders als Maßhalten, keine Tugend ist; dass man Filme im Kino sah und nicht als Download, dass Glaube Trost spendete oder dass Banken keine hochriskanten Zinsgeschäfte mit den Ersparnissen ihrer Kunden machten.“ (A.S.)

Ich überlasse Ihnen, weitere Beispiele aus Ihren Familien, aus der Schulzeit, aus Ihrer Lehrzeit usw. zu suchen, die zur Normalität gehörten. Normalität war wie ein Korsett, das oft auch einengend empfunden wurde, aber Sicherheit gab. „Normalität, also jene Kraft, die das Leben strukturiert und normiert, ist deutlich auf dem Rückzug. Der Mensch kann, wenn er will, weiterhin sein Glück im Büroalltag suchen, in der Monogamie, bei Bratkartoffeln und Spiegelei, beim sonntäglichen Kirchgang, beim Konzertbesuch oder indem er sich in Anzug und Kostüm kleidet. Aber er kann auch ebenso gut ohne Büro ein festes Einkommen beziehen, Partnerwechsel lieben und die exotische Küche, kann aus der Kirche austreten, Musik und Bücher digital konsumieren und sich in grelle provozierende Klamotten werfen. Ob Ehe oder Familien, das Arbeitsleben, Freizeit- und Essverhalten, Benehmen in der Öffentlichkeit, Mode, Kultur – nirgendwo bestimmt mehr die unbedingte Norm unser Leben.“ (A.S.)

Darin zeigt sich eine große Freiheit, die vor uns noch keine Generation hatte, die allerdings auch den einen oder die andere überfordert und richtungslos macht. Wenn alles gleich gültig ist, wird der Mensch dann nicht gleichgültig? - Niemand kann sich der Vielfalt der Angebote und Möglichkeiten für unser Leben entziehen. Lassen sich ein paar Hilfen finden, um nicht orientierungs-los zu leben? Eine Mutter wollte zum 18. Geburtstag ihrer Tochter ein Buch zusammenstellen. Und jede Seite sollte einer oder eine verfassen, die mit der jungen Frau Kontakt hatten. Ich kannte Christina aus der Gemeinde, wo sie in der Kinder- und Jugendarbeit mittat. Und ich sollte für sie eine Seite gestalten.

Ich schrieb ihr einen Text, der im Buch Tobit aus dem Alten Testament steht und mich immer noch anspricht und zeitlos ist. Tobit gibt seinem Sohn Tobias Belehrungen für sein Leben, an denen er sich orientieren soll. „Was dir selbst verhaßt ist, das mute auch einem anderen nicht zu! –
Gib dem Hungrigen von deinem Brot und dem Nackten von deinen Kleidern! –
Such nur bei Verständigen Rat; einen brauchbaren Ratschlag verachte nicht! –
Preise Gott, den Herrn, zu jeder Zeit; bitte ihn, dass dein Weg geradeaus führt und dass alles, was du tust und planst, ein gutes Ende nimmt.“
Tob 4,15a.16a.18-19.a

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