„Soviel du brauchst“ - 18.02.2012

In jedem Jahr findet in Deutschland im Wechsel ein Katholikentag oder ein Evangelischer Kirchentag statt. Und jeder dieser Tage hat ein bestimmtes Leitwort oder Motto. In diesem Jahr findet der Katholikentag in Mannheim statt und hat das Leitwort „Einen neuen Aufbruch wagen“. Die Losung für den Evangelischen Kirchentag 2013 in Hamburg wurde vor etwa zwei Wochen vorgestellt und lautet „Soviel du brauchst“. Dieses Wort ist aus der Bibel genommen und stammt aus Israels Geschichte in der Wüste. Israel lebt geknechtet und unterdrückt in Ägypten. Gott sieht das Elend, befreit durch Moses sein Volk, führt es durch das Rote Meer und rettet es.
In der Wüste gibt Gott seinem Volk am Berg Sinai die 10 Gebote, die bis heute gelten und für viele Verfassungen Grundlage sind. Moses empfängt als einziger auf dem Berg die Gebote auf steinernen Tafeln. Das Volk steht am Fuße des Berges. Weil Moses vom Berg nicht zurückkommt, gießen die Israeliten sich ein goldenes Kalb, verehren es als Gottheit und fallen so von Gott ab. Zur Strafe müssen sie 40 Jahre durch die Wüste irren, bis alle aus dieser Generation gestorben sind. Immer wieder aber murren sie auf diesem Weg gegen Gott und jammern: „Wären wir doch bei den Fleischtöpfen in Ägypten geblieben.“ Trotz allem sorgt Gott für sein Volk und gibt ihm als Nahrung täglich Manna, von dem sie aber nur soviel einsammeln dürfen, wie sie für sich am Tag brauchen. Sammelt einer mehr, hortet er also, dann verdirbt das. Daher das Wort „Soviel du brauchst“, das die Losung für den Kirchentag ist. Man könnte auch sagen, übernimm dich nicht, sonst erstickst du an dem, was du um dich aufhäufst. Eine vermüllte Wohnung ist für mich ein Bild dafür, dass ich im Leben untergehen kann unter Besitz, Beziehungen, verschiedenen Süchten, Wünschen, Erwar-tungen und mehr.

Der leitende Redakteur unserer Kirchenzeitung Andreas Hüser hat sich zu diesem Motto Gedanken gemacht und seinen Artikel mit der Frage überschrieben: „Was brauchst du? – Das gute Motto des Kirchentags 2013.“ „...vielleicht haben wir erst jetzt ein Gespür dafür, welcher Sinn dahinter steckt. Denn wir leben in einer Zeit, in der uns fast alles ‚zu viel wird‘. ‚Zu viel‘ ist eine Krankheit, die uns alle belastet. Wir essen zu viel, wir trinken zu viel, wir sehen zu viel fern, wir arbeiten zu viel, wir verbrauchen zu viel Energie und natürliche Ressourcen. Wir besitzen zu viel, unsere Wohnungen sind voll gestopft mit Dingen, die wir gar nicht brauchen.
Wir leben im Dauerbeschuss von Informationen aller Art. Zu viel, um alles bewältigen oder gar verstehen zu können. Von Kindesbeinen an setzen wir uns unter Leistungsdruck, der noch nicht einmal in der Freizeit aufhört. Unseren eigenen Ansprüchen an unser Leben gerecht zu werden, ist kaum möglich. Sie sind zu hoch, es sind zu viele. Und zu viel bleibt auf der Strecke.
Weil alles zu viel ist, haben wir zu wenig Zeit für unsere Kinder, für unsere Partner, für uns selbst und für Menschen, die uns brauchen.“ Am nächsten Mittwoch ist Aschermittwoch, und damit beginnt bis Ostern eine Zeit, in der die Kirchen einladen, den eigenen Lebensablauf wieder einmal genauer anzuschauen. Wirklich hinzuschauen, wie läuft mein Leben am Tag, in der Woche ab. In dieser Zeit, es sind nicht ganz sieben Wochen, läßt sich die Frage angehen: „Was brauche ich?“ Auch in der Familie oder einmal im Freundeskreis kann man fragen: „was brauchen wir?“ Und man kann sich einüben, was zu viel ist, zu reduzieren oder ganz zu streichen. Menschen, die sich auf diesen Weg machten, sagen, dass ihnen bewußt wurde, es fehlt ihnen danach nichts. Sie fühlten sich von einigem Ballast befreit.

„Soviel du brauchst“ wird in unseren Breiten garantiert immer vorhanden bleiben. Und ganz bestimmt mehr. Ein Wort begleitet mich seit ein paar Wochen:
„Greifen und festhalten kann ich seit der Geburt. Teilen und schenken musste ich lernen. Jetzt übe ich das Lassen.“ - Kyrilla Spieker (1916-2008)

zurück zur Auswahl