„Ich kann nicht mehr!“ - 02.03.2013

Am 28. Februar endete um 20 Uhr das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. (Pontifikat bezeichnet das Amt, die Amtszeit, die Würde eines Papstes. Das Wort leitet sich von pontifex = Brückenbauer ab. Brückenbauer zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb der Kirche.) Damit begann die Sedisvakanz, was soviel wie „leerer Stuhl“ bedeutet. Wir sind Zeitzeugen eines wirklich einmaligen historischen Ereignisses. Der Papst aus Deutschland gibt sein Amt auf. Und mit ihm endet bis auf wenige Ausnahmen für alle Kardinäle im Vatikan ihre Aufgabe. Auch die Msgri (Pfr.Mies aus Blankenese, Pfr. Haneklaus u.a.) sind päpstliche Kapläne und verlieren mit dem scheidenden Papst ihren Titel und müssen neu ernannt werden, was geschieht. Alle, die jetzt in der im Vatikan ohne Amt dastehen, müssen vom nächsten Papst neu berufen oder ausgetauscht werden. Der Schutz für den Papst durch die Schweizer Garde endete auch am 28.2. um 20 Uhr. Dann übernahm diese Aufgabe die vatikanische Gendarmerie.

1294 trat Papst Cölestin V. von seinem Amt zurück. (Papst Benedikt ist nach seiner Wahl sehr bald im Petersdom an das Grab dieses Papstes gegangen und hat dort gebetet.) Seit Cölestin hat es bis heute keinen Papst gegeben, der freiwillig seinen Rücktritt erklärt hat. Im Kirchenrecht ist zwar der Rücktritt als Möglichkeit vorgesehen, aber in der Realität ging man bis jetzt niemals davon aus. Normal war, mit dem Tod endet die Amtszeit des Papstes. Bis die Kardinäle sich zum Konklave in Rom einfinden können, musste eine Zeit von 15 bis 20 Tagen vergangen sein. Konklave bedeutet: abgeschlossenes Zimmer, Gemach. Die wählenden Kardinäle sind tatsächlich ohne jeglichen Kontakt Handy, Internet usw. nach draußen völlig abgeschlossen. Der Grund für die 15 bis 20 Tage liegt darin, dass die Kardinäle aus der ganzen Welt in Rom zusammen-kommen und für die Anreise Zeit brauchen und auch Zeit benötigen, um sich vor dem Konklave näher kennenzulernen. Weil Benedikt XVI. am 11. Februar seinen Rücktritt erklärte, haben alle Kardinäle ausreichend Zeit für die Reise und das Kennenlernen, so dass nun entschieden ist, das Konklave früher einzuberufen. Im Hintergrund laufen jetzt natürlich die Telefone und alle anderen Kommunikationsmittel heiß, die Strippen für den einen oder anderen Kandidaten zu ziehen. Es geht dabei auch sehr menschlich zu. Unterschiedliche Interessen spielen ein Rolle. Außerdem darf die Wahl nicht allzulange dauern, weil man sich schon mehr oder weniger festgelegt hat, dass zu den Osterfeiern der neue Papst in seinem Amt sein soll.

Benedikt XVI. hat mit seinem Rücktritt einen großartigen und ihm nicht zugetrauten Schritt getan. Vielleicht ist es sein größtes Werk. Er hat damit deutlich gemacht, dass der Papst ein Bischof ist und mit der Wahl zum Papst ein Amt übernimmt. Dieses Amt wird ihm für eine Zeit übertragen. Wie auch die Kardinäle nicht zu Kardinälen geweiht werden. Sie haben ein Amt in der Zuordnung zum Papst. Nur die Weihe zum Bischof kann nicht zurückgegeben werden. Zukünftige Päpste werden es nach diesem Beispiel mit einem möglichen Rücktritt aus Alters- oder Krankheitsgründen leichter haben. Die Erfahrung mit dem in den letzten Jahren sehr kranken Vorgänger Johannes Paul II. hat Benedikt sicher bewogen, sich rechtzeitig mit der Frage auseinanderzusetzen. 2010 hat er in einem Interview darüber gesprochen. Zukünftig wird auch überlegt werden müssen, wie geht man mit einem Papst um, der pflegebedürtig und bettlägerig oder dement ist.

Das Papstamt beruht auf der Berufung des Apostels Petrus zum Nachfolger von Jesus Christus. Petrus heißt ursprünglich Simon. Und zu ihm sagt nach dem Zeugnis des Evangeliums von Matthäus Jesus: „Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16,18) Er ist der Stellvertreter Christi. Und in der Nachfolge des Petrus stehen dann bis heute alle Päpste. Sie tragen auch den Titel: Stellvertreter Christi. In mehreren Zeitungen las ich: Stellvertreter Gottes. Das ist Unsinn. - Was wird von dem neuen Papst erwartet? Ein Priester soll entscheiden dürfen, ob er heiraten will oder nicht. Frauen sollen mehr Rechte in der Kirche bekommen und Führungspositionen übernehmen dürfen. Die Einheit mit den reformatorischen Kirchen soll vorankommen. Die Missbrauchsfälle sollen besser aufgearbeitet werden. Geschiedene und Wiederverheiratete sollen die Kommunion empfangen und Ehrenämter in den Gemeinden übernehmen dürfen. Die Bischofskonferenzen sollen mehr Eigenverantwortung bekommen und weniger von der Zentrale Roms abhängig sein.

Es ist ein großer Irrtum, wenn man glaubt, dass damit die Krise der Kirche Europas überwunden wird. Alle diese Forderungen sind in der evangelischen Kirche umgesetzt und Praxis. Pastoren sind verheiratet oder ledig oder homosexuell. Frauen sind Pastorinnen und Bischöfinnen. Wiederverheiratete bekommen den kirchlichen Segen und übernehmen Ämter in den Gemeinden. Über den Bischöfen der Landeskirchen gibt es keine zentrale Person. Und alle diese Lebensformen stoppen nicht die Kirchenaustritte und füllen nicht die leeren Kirchen zu den Gottesdiensten am Sonntag.

Der Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen war 27 Jahre Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan in Rom. In der Süddeutschen Zeitung vom 25. Februar 13 schreibt er: „Wer meint, das Pontifikat Papst Benedikts be- oder verurteilen zu können, ist voreilig. Was werden Historiker in 20 oder 50 Jahren schreiben? Das Christentum in seinen vielen Formen wächst vor allem in Afrika und Ostasien; in Europa ist es in einer Existenzkrise. Die aber hängt nicht vom Papst oder Papstamt ab, sie betrifft die Kirchen der Reformation ebenso wie die katholische Kirche. Es fragt sich, ob die Zeit des Christentums in Europa zu Ende geht. Eine Papstwahl bietet Gelegenheit, auch darüber nachzudenken – im Bewußtsein: Sie kann keine Wunder wirken.“ -
Was nehme ich persönlich aus dem Rücktritt des Papstes für mich mit? In einem Kommentar von Andreas Hüser in unserer Kirchenzeitung fand ich eine Antwort. Er schreibt zum Rücktritt des Papstes: "Er (der Papst) hat gesagt: 'Ich kann nicht mehr.' - In diesem Satz steckt Mut, steckt ebensoviel Demut und Vertrauen: 'Nach mir geht die Welt nicht unter', eine ebenso einfache wie rare Erkenntnis."-

Ich meine, damit erscheint der Papst sehr menschlich.

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