„Anfrage an mich“ - 08.11.2013

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! – Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien. Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen. (Lk 17,11-19)

Ich habe für heute diesen biblischen Text ausgewählt, zu dem noch ein paar Erklärungen nötig sind. Der Aussatz galt zur Zeit Jesu als ansteckend. Die Kranken mussten abseits der Bevölkerung wohnen und sich mit Glöckchen bemerkbar machen. Niemand durfte mit ihnen Kontakt bekommen. Die Heilung stellten Priester fest. Die Lepra ist bis heute nicht ausgerottet. Ich habe Menschen mit dieser Krankheit in Indien gesehen. Ich begegnete ihnen in Krankenhäusern. Die Lepra ist eine bakterielle Infektionskrankheit, welche die Haut, Schleimhäute und Nervenzellen in Mitleidenschaft zieht. Ursache ist sehr oft das mangelnde hygienische Verhalten, bzw. die hygienischen Zustände in der Lebenswelt dieser Menschen. Mir wurde damals nicht gesagt, dass man einen Leprakranken nicht berühren dürfe. Die Lepra ist nicht ansteckend, wenn man auf den angemessenen Kontakt achtet.

In Predigten über diesen biblischen Text wird natürlich immer auf das unterschiedliche Verhalten der Geheilten eingegangen. In einem Gottesdienst mit Kindern wurde die Frage gestellt, warum denn die neun nicht auch gedankt haben. Eine Antwort war: Die haben sich so gefreut, dass sie es erst einmal davon zu Hause erzählen mussten. - Ich will das Thema der Dankbarkeit heute aber nicht angehen.

Als vor zwei Wochen dieser Text im Fernsehgottesdienst behandelt wurde, sprach der Prediger nicht über die Dankbarkeit, sondern übertrug mit ein paar Leuten aus der Gemeinde die Tatsache des Aussatzes auf die Gegenwart. Eine Schülergruppe mobbte einen Mitschüler. Er trug keine Designer Kleidung. Er besaß kein Smartphon. Er befand sich im Abseits. - Ein Angestellter stand seiner Chefin gegenüber, die ihn aufforderte, seinen Laptop abzugeben. Er würde in diesem Betrieb nicht mehr gebraucht. – Eine ältere Frau mit einem Rollator wollte in der Gruppe Gleichaltriger mitmachen. Beim geplanten Ausflug störte sie wegen des Rollators und ihrer Langsamkeit, und sie wurde abgelehnt. – Es kamen dann für alle drei Beispiele Gedanken und Anregungen, wie man Menschen nicht zu Aussätzigen machen muss. Die Schülergruppe, die Chefin, die Gruppe alter Leute überlegten Lösungsansätze und wollten ihr Handeln ändern.

Das Evangelium kenne ich in- und auswendig. Über die Dankbarkeit habe ich auch oft genug gepredigt. Dabei habe ich eigentlich nie den Blick auf die Aussätzigen selbst gerichtet. Ich nahm sie als Ausgangspunkt für die Lehre Jesu, die er seinen Zuhörern erteilen wollte. Seit diesem Fernsehgottesdienst aber überlege ich immer wieder, wer für mich aussätzig ist, mit wem ich nicht gern zu tun habe, wem ich lieber aus dem Wege gehe.

zurück zur Auswahl