Weichenstellung „Weichenstellung“ - 25.10.2014

Es ist sicher eine der letzten Sitzungen dieses Gesamtvorstandes. Nach der Mitgliederversammlung im nächsten Jahr werden neben langjährigen Vorstandsmitgliedern neue die Arbeit fortsetzen. Es werden mit dem Ausscheiden und auch mit der Fortsetzung Weichen für den Kreuzbund in Hamburg gestellt. Und so möchte ich dieses geistliche Wort unter das Bild von Weichen stellen. Das gilt ja letztendlich auch für unser ganzes Leben.
Die Atmosphäre auf den Bahnhöfen fasziniert mich seit Kindheit an. Den ankommenden Zügen, den abfahrenden, den wegfahrenden und ankommenden Menschen, die verabschiedet werden und die erwartet werden, kann ich immer wieder zuschauen. Wenn ich verreise, bin ich deshalb schon sehr rechtzeitig auf dem Bahnsteig. Wo es möglich ist, schaue ich auch auf die Gleisanlagen. Die Weichenstellung bestimmt die Fahrtrichtung des Zuges. Und schließlich haben Weichen für unser Leben Symbolcharakter.
In den ersten Lebensjahren stellen Eltern, Erzieherinnen und Erzieher für das Kind die Weichen. Das Verhalten der Familienmitglieder, der Kontakt zu den Großeltern, Tanten und Onkeln gibt ebenfalls Richtung an.

Und je älter ein Mensch wird, desto mehr muss er eigenverantwortlich für sich Weichen stellen, die den Lebenszug in eine Richtung führen. Natürlich gibt es persönliche Voraussetzungen, wie Begabung, Gesundheit, Familie, Wohnort, die die Weichenstellung beeinflussen. Diese Voraussetzungen kann niemand für die nächste Strecke ausschalten. Auch gesellschaftliche Gegebenheiten, wie Leben im Frieden, Wahl von Berufsmöglichkeiten, Freundeskreis, religiöse Einflüsse beeinflussen die Richtung. Stellt man die Weiche selbst, geschieht es in verantworteter Kenntnis der Umstände. Im Augenblick ist die Entschei-dung richtig. Und man muss mit der Entscheidung auch in der Zukunft zu ihr stehen.

Darin liegt die Verantwortung für sich und manches Mal auch für andere.

Wir glauben, manche Weiche stellt Gott ohne unser Zutun, auch wenn sie uns nicht paßt. Sollte man erkennen, auf einem falschen Gleis zu fahren, kann man niemals mehr vor die Weiche zurück, selbst wenn man es wollte. Wir können ja die Vergangenheit niemals wiederholen. Das merkt man schon daran, dass die Erlebnisse eines Urlaubs niemals in gleicher Weise wiederholt werden können. Solange wir leben, wird sich immer eine neue Weiche anbieten. Irgendwann kommt der Mensch an den Punkt, an dem er oder sie rückblickend sich fragt: Habe ich Weichen gestellt, die ich gern rückgängig machen würde? Muss ich die Weichenstellung sogar bereuen? Was wäre aus mir geworden, wenn ich diese oder jene Weiche anders gestellt hätte? Welche Richtung hätte mein Leben dann genommen? Die Fragen können sich durchaus aufdrängen und sogar belastend sein. Sie bleiben unbeanwortet. Es gibt keine schlüssige Antwort, weil wie gesagt, wir nie vor die durchlebte Weiche zurück können.

Je älter ein Mensch wird, desto geringer wird die Anzahl der Weichen, die sich anbieten, gestellt werden müssen und dürfen. Die Wahlmöglichkeiten werden begrenzt. Auch wenn von uns noch nicht alle davon betroffen sind, stellt jede und jeder an sich oder in der Beobachtung von anderen die Beschränkungen, die zunehmen, im Lebensalltag fest. Der Lebenszug verlangsamt sich ja auch. Lächerlich wird wenigstens in den Augen der Jüngeren die und der, die es nicht wahrhaben wollen. Und schließlich sind in den 50, 60, 70, 80 oder 90 Jahren eines Lebens alle Weichen durchfahren. Es gibt dann eine letzte Station, an die jeder kommt, die kein Sackbahnhof ist. Wir Christen glauben an ein Leben nach diesem Leben, aber ohne Weichen.

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