Interview mit Michael Hansen (Praxisberater)
aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Kreuzbund Hamburg e.V.

Monika Hennies:
Sehr geehrter Herr Hansen, sicher sollte eine Jubiläumsfeier ein Anlass sein, etwas über die, wenn auch junge Geschichte einer Einrichtung zu erfahren. Soweit ich informiert bin, ist die Entstehung und Entwicklung von Selbsthilfegruppen des Kreuzbundes in Hamburg im wesentlichen auf Ihre Arbeit zurückzuführen. Könnten Sie uns einen kurzen Überblick darüber geben?

Michael Hansen:
Mit Betroffenen, die von mir in der Caritas-Suchtberatungsstelle „An der Alster“ betreut wurden, organisierte ich Ende 1977 eine Patientengruppe, die sich regelmäßig zu Gesprächen traf. Als deren Betreuung durch die Suchtberatungsstelle 1978 abgeschlossen war, wollte sich die Gruppe nicht trennen und gründete deshalb eine Selbsthilfegruppe, die sich im Laufe des Jahres 1978 dem Kreuzbund e.V. - Diözesanverband Osnabrück anschloss.

In der Gemeinde St. Wilhelm in Hamburg-Bramfeld hatte sich gleichzeitig eine Selbsthilfegruppe von Betroffenen und Mitbetroffenen gebildet, die über ihren Pfarrer von Stockhausen Kontakt zu mir aufnahm, mit der Bitte, in den Kreuzbund aufgenommen zu werden.

So existierten Ende 1978 zwei Kreuzbundgruppen in Hamburg.
Die Anzahl der Gruppen stieg schnell an, da über die Caritas-Suchtberatungsstelle ständig neue Hilfesuchende vermittelt wurden.

Zum Jahreswechsel 1978/79 bekam ich Unterstützung durch einen betroffenen Ordensbruder aus dem Jesuitenorden, Bruder Antonius. Dieser hatte eine stationäre Therapie hinter sich und wollte aktiv in der Selbsthilfe des Kreuzbundes mitwirken. Er baute eine dritte Gruppe auf und wurde von seinem Orden teilweise für die Arbeit im Kreuzbund freigestellt.

Mit seiner Hilfe und der Unterstützung der Caritas-Suchtberatungsstelle wurden dem Kreuzbund in Hamburg eine Organisationsstruktur gegeben, d.h. monatlich fanden Arbeitsgespräche und Praxisberatung in Form der Gruppenarbeit statt. Wochenendseminare wurden angeboten und Freizeitveranstaltungen organisiert.

Der Kreuzbund wuchs auf 15 Gruppen mit 350 eingetragenen und etwa gleichviel nicht eingetragenen Mitgliedern in Hamburg an.

Monika Hennies:
Als relativer Neuling in einer Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes kenne ich nur vom Hörensagen die Veränderungen, die im Kreuzbund in den 20 Jahren seines Bestehens stattgefunden haben. Könnten Sie auch hier einige wesentliche Punkte nennen?

Michael Hansen:
Ein einschneidendes Ereignis war der Tod des Ordensbruder Antonius, der inzwischen Vorstandsvorsitzender des Kreuzbundes in Hamburg geworden war. Sein Nachfolger Werner Groß verstarb 1990 nach einjähriger Tätigkeit. Der Verlust beider Persönlichkeiten beeinträchtigte eine kontinuierliche Fortentwicklung.

Besonders negativ wirkte sich die Schließung der Caritas-Suchtberatungsstelle im Jahre 1991 aus, auf deren Empfehlung hin ständig neue Betroffene und deren Angehörige eine Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes aufsuchten. Praxisberatung und fachliche Begleitung gingen ebenfalls verloren, da mir in der Caritas andere Aufgaben übertragen wurden.

Monika Hennies:
Auch Ihre Tätigkeit im Zusammenhang mit den Selbsthilfegruppen des Kreuzbundes hat sich meines Wissens erheblich verändert. Welche Aufgaben nehmen Sie zur Zeit wahr und welche Unterstützung können Sie den Betroffenen und Mitbetroffenen darüber hinaus anbieten?

Michael Hansen:
Nach der Schließung der Suchtberatungsstelle leitete ich ein sozialtherapeutisches Wohnheim der Caritas für alleinstehende, wohnungslose Männer und anschließend eine Wohnunterkunft für bosnische Flüchtlinge. Außerdem war ich verantwortlich für die Erstellung einer Dokumentation in der Flüchtlingshilfe der Caritas und für den Aufbau eines Referates für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Zur Zeit bin ich mit der Leitung der MOBILEN HILFE für Obdachlose der Caritas und dem Aufbau einer Krankenstube für Obdachlose im ehemaligen Hafenkrankenhaus betraut.

Zu meinen Aufgaben gehört auch die Betreuung der Zivildienstleistenden beim Caritasverband für Hamburg e. V.. Dies macht mir viel Freude, da die jungen Leute mit ihren neuen, oft unkonventionellen Ideen zum Nachdenken anregen.
Für den Kreuzbund engagiere ich mich als Praxisberater mit den SchwerpunktenOrganisation, Kooperation und Förderung der Selbsthilfe. Parallel dazu bin ich als Betreuer einer Gruppe für Suchtkranke und deren Angehörige im Marienkrankenhaus, Hamburg tätig.

Bei telefonischen Anfragen vermittele ich weiterhin Hilfesuchende in die ambulanten Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen der Suchtkrankenhilfe. Dies alles geschieht aus alter Verbundenheit zum Kreuzbund teils ehrenamtlich.

Monika Hennies:
In Gesprächen mit anderen Regionalverbänden habe ich erfahren, dass es dort erheblich bessere Kontakte der Gruppen untereinander gibt. Vielleicht könnten Sie uns Hinweise geben, wie ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl auch in Hamburg verstärkt werden kann.

Michael Hansen:
Die Gruppen könnten sich an dem Modell der Partnerstädte orientieren. Gemeinsame Freizeitveranstaltungen und Besuche der Gruppen untereinander wären sicher förderlich. Vielleicht könnte auch eine Sprechstunde des Kreuzbund-Vorstandes und die Besuche einzelner Vorstandsmitglieder in den Gruppen vor Ort das Gefühl der Gemeinsamkeit verstärken.

Monika Hennies:
Ein Rückblick erlaubt auch immer einen Blick in die Zukunft. Gibt es in Ihrer Vorstellung so etwas wie Visionen, wie der Kreuzbund in Hamburg sich weiterentwickeln könnte?

Michael Hansen:
Der Kreuzbund sollte sich nicht nur damit beschäftigen, Suchtkranken und deren Angehörigen zu helfen, sondern sich auch freiwillig und ehrenamtlich der Nöte in anderen sozialen Bereichen annehmen.

Das Überschreiten der Abgrenzung „Wir sind nur für Suchtkranke da!“ hilft, über den Tellerrand hinauszudenken bzw. zu handeln und einer möglichen Erstarrung vorzubeugen.
Randgruppen, wie Obdachlose oder auch Arme in den Gemeinden, brauchen unsere persönliche Unterstützung, zumal sie häufig durch Suchtprobleme in diese Notlage geraten sind und allein keinen Weg aus dem Dilemma finden.

Mein Wunsch für den Kreuzbund ist, über diese nicht alltäglichen Visionen nachzudenken und sie in kleinen Schritten zu verwirklichen.

Monika Hennies:
Herzlichen Dank für das Gespräch


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