Alkoholprobleme im Betrieb - Erfahungsbericht "Betriebl. Suchtberatung" 10 Jahre betriebliche Suchtberatung

Niederlage oder persönliche Bereicherung?


Vorwort
„Der in unserer Gesellschaft weit verbreitete Alkohol- und Suchtmittelmissbrauch macht auch vor den Toren der Betriebe nicht halt. Er ist im Berufsleben, an den Arbeitsplätzen, genauso zu finden wie in der Freizeit.

Sucht ist eine Krankheit, die in allen Beschäftigungsbereichen und -ebenen vorkommen kann. Suchterkrankungen, auch Alkoholismus, enden ohne rechtzeitige und adäquate Behandlung meist tödlich.

Suchtkranke Menschen brauchen deshalb Beratung und Hilfe.
Suchtkranke Menschen im Berufsleben brauchen vor allem die Hilfe ihrer Kollegen* und ihrer Vorgesetzten.
Beim Deutschen Elektronen Synchrotron (DESY) wird in Zukunft, bei einer Suchterkrankung eines Mitarbeiters nach diesem Leitfaden verfahren. Für die notwendige Beratung ist bei DESY eine Suchtkrankenhilfe eingerichtet.

Als Kollege eines suchtkranken Mitarbeiters soll dieser Leitfaden Sie unterstützen, eine Suchterkrankung schneller zu erkennen und Ihrem Kollegen fachlich richtige Hilfen anzubieten.
Als Vorgesetzter eines suchtkranken Mitarbeiters haben Sie wegen der Fürsorgepflicht für die Kollegen und der Arbeitssicherheit eine besondere Verantwortung. Im Bereich der vorbeugenden Maßnahmen und bei der Durchführung von Hilfsmaßnahmen nehmen Sie eine Schlüsselrolle ein, insbesondere bei den Gesprächen, die mit den betroffenen Mitarbeitern geführt werden müssen.

Ergänzend zu diesem Leitfaden bieten wir Informationsseminare an. Sollten Sie Fragen haben oder Unterstützung brauchen, wenden Sie sich bitte an den Fachberater.“


Kommentar
So begann ich mit der Suchtkrankenhilfe vor 10 Jahren beim DESY. In den folgenden Ausführungen möchte ich mich auf persönliche Erfahrungen wie auch auf meine Überforderung beschränken.
Suchtberatung auch Suchtkrankenhilfe genannt, bedeutet nicht immer, dass eine Akzeptanz vom Arbeitgeber gegeben ist. Vielmehr wird der Berater in die Rolle gedrängt, dass er doch bitte seiner Ausbildung entsprechend die Klientel „trocken legen sollte“.

1990 musste diese Entwicklung zum Scheitern verurteilt werden. Mein Körper und meine Seele reagierten psychosomatisch. Am Ende stand eine 6 wöchentliche Migränebehandlung. Ich konnte und wollte diesen Weg der betrieblichen Suchtkrankenhilfe nicht weiter gehen. Dennoch fühlte ich mich ge- und überfordert weiter zu machen. Entgegen aller Ratschläge überdachte ich ein Konzept und landete wieder in der Suchtkrankenhilfe, typisches Helfersyndrom.

Es begann eine Zeit der Niederlagen angereichert durch persönliche Fehler. Bei den ersten Beratungen wurden deutlich meine Grenzen sichtbar. Es war unmöglich persönliche Ansprüche mit betrieblichen Belangen in Form zu bringen. Der Widerstand stieg, gleichzeitig begann die Herausforderung zu steigen. Der Leidensdruck etwas zu verändern ging seine eigenen Wege. Es kam die Zeit das Beratungen zum „Erfolg“ führten. Die Akzeptanz beim Arbeitgeber wuchs. Jedoch nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Finanzielle Mittel wurden auf ein Minimum beschränkt. So kam ich in die Situation selbst zu referieren, entdeckte meinen Spaß daran und glitt in die Arbeitssucht ab. Aus der heutigen Sicht betrachtet, ein weiteres Suchtpotential. Abgedeckt durch meinem inzwischen sehr ausgeprägtem Helfersyndrom.

Wie durch ein Wunder konnte ich aber meine Trockenheit erhalten. Kein Wunder, „lieber über andere nachdenken“ als über mich selbst. Wieder eine Gefahr die ich nicht bewusst erlebte, aber heute denke ich, der Rückfall näherte sich. Gelebt habe ich ihn bis heute nicht. Das heißt aber gar nichts. Immer wieder wird die Frage gestellt, bin ich auf dem richtigen Weg, oder muss sich mein Leben verändern.

Auch heute und in diesem Augenblick stellt sich die Frage warum habe ich 10 Jahre durchgehalten? Einfach zu beantworten, meine persönliche Einstellung zur Suchtberatung sowie mein theologischer Ansatz bedeutet eine Form der Lebensqualität. Gelassenheit und Toleranz auch gegenüber der Suchtkrankenhilfe ist nun das Fundament meiner Arbeit.

Diese Zeit der Entwicklung möchte ich heute nicht missen. Jedoch wünsche ich jedem, der meint eine solche Belastung durchzustehen auch die Kraft eigene Fehler sich zu verzeihen.
Die Stelle einer Suchtberatung zu installieren (laut einschlägiger Literatur bedarf der Zeitaufwand bis zur Akzeptanz ca. 7 Jahre) ist gleichzusetzen mit erheblichen Selbstzweifeln. Aus Erfahrung kommt dann aber eine Zeit der Stabilität. Nicht jeder der sich zur Suchtkrankenhilfe berufen fühlt, sollte dieser Berufung nachgehen. Immer im Hinblick auf seine eigene Gesundung und in der Verantwortung, dass jeder einen anderen Weg zur Abstinenz geht. Hilfe am Menschen ist Hilfe an sich selber.
Jedoch die Verantwortung Fehler zu machen kann nicht auf andere übertragen werden.

Mit Sicherheit kommt auch das schlechte Gewissen. Daraus folgt auch meine politische Einstellung gegenüber dem Kreuzbund. Das für ehrenamtliche Suchtkrankenhelfer Werkzeuge zu vermitteln sind, die in der betrieblichen Suchtkrankenhilfe den Raum schaffen, um möglichst „druckfrei“ arbeiten zu können.


Wichtig zu wissen ist folgende Vorgehensweise:

FAKTEN SAMMELN
Sammeln Sie hieb- und stichfeste Fakten über Häufigkeit, Schwere, Zeitpunkte und Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs. Notizen entkräften die einfallsreichen Ausreden.

MIT AGGRESSIONEN RECHNEN
Aggressive Reaktionen müssen Sie am Anfang einkalkulieren. Sie sind ein Selbstschutzmechanismus, der es dem Mitarbeiter möglich macht, sich der Argumentation zu entziehen.

URSACHEN ERGRÜNDEN
Rechnen Sie auch mit Klagen über alle möglichen persönlichen Schwierigkeiten. Der Mitarbeiter spricht dann über die Ursachen seines Alkoholmissbrauchs und macht diese für sein Trinkverhalten verantwortlich. Nehmen Sie diese Ursachen ernst, aber lassen Sie sich nicht als Entschuldigung gelten. Es muss ganz klar werden, dass die Alkoholabhängigkeit das größte Problem ist, ohne dessen Beseitigung mögliche Ursachen nicht angegangen werden können.

ALKOHOLISMUS IST EINE KRANKHEIT
Erklären Sie dem Mitarbeiter, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, deren man sich nicht zu schämen braucht und die behandelt werden kann. Diagnostizieren Sie aber den Mitarbeiter nicht als Alkoholiker, denn dadurch erhöhen Sie nur die Abwehrhaltung. Der Mitarbeiter weiß selbst am besten, ob er alkoholgefährdet ist oder nicht.
Denken Sie daran : Der Suchtkranke muss trotz seiner Erkrankung seine Selbstachtung wahren können.

MIT TIPPS VORSICHTIG UMGEHEN
Moralisierende Belehrungen sowie Ratschläge und Hinweise „sich doch zusammenzureißen“ und „doch weniger zu trinken“, bringen erfahrungsgemäß wenig. Der alkoholkranke Mitarbeiter hat wahrscheinlich oft genug versucht, weniger zu trinken. Alkoholabhängige sind nicht in der Lage, ihren Konsum „über den Kopf“ zu steuern.

KEINE VERSPRECHUNGEN HINNEHMEN
Lassen Sie sich nicht von hochheiligen Versprechungen „einwickeln“. Diese sind durchaus ehrlich gemeint, können aber nicht eingehalten werden. Selbst tiefste Einsichten führen oft zu keinem veränderten Verhalten.


Abschließend möchte ich betonen, dass sich dieser Weg gelohnt hat. Der Arbeitgeber vermittelt mir heute eine hohe Wertschätzung. Berufliche Freiräume sind geschaffen wurden und der Spaß am Leben ist eindeutig höher.
Es lohnt sich, diesen positiven Leidensweg zugehen.


Wolfgang Schneider,
betrieblicher Suchtberater und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Kreuzbund Hamburg


* Aus Vereinfachungsgründen ist in diesem Text lediglich die männliche Form aufgeführt, gemeint sind hier und im folgenden Text sowohl weibliche als auch männlich Betroffene.


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