Selbsthilfegruppen - auch eine Hilfe für Skeptiker?

Lange war mir nicht klar, dass meine Frau vom Alkohol beherrscht wurde. Der Alltag lief einigermaßen, ihre beruflichen Aufgaben schien sie ordnungsgemäß zu erledigen, und der Alkohol gehörte bei Festen und Feiern einfach dazu.

Dann fiel mir aber mehr und mehr auf, dass ich meine Frau häufig vorzeitig nach Hause bringen musste, weil sie nicht mehr Herr ihrer selbst war. Auch die Wochenenden nutzte sie meist nur noch, um im Bett zu liegen und zu schlafen. Nach vielen, langen und heftigen Gesprächen entschloss sich meine Frau zu einer Langzeitkur in einem Fachkrankenhaus.

Während der Zeit dort musste sie Selbsthilfegruppen in Hamburg aufsuchen. Bei dieser Gelegenheit lernte sie den Kreuzbund kennen und dessen Angebot für Angehörige, an den Gruppenabenden teilzunehmen. Da ich ihr in jeder Hinsicht helfen wollte, die Sucht zu überwinden, haben wir nach ihrer Kur die Treffen dort nach Möglichkeit gemeinsam besucht.

Inzwischen gehe ich längst nicht mehr nur meiner Frau zuliebe in die Gruppe. Ich habe erfahren, wie andere Partner und Partnerinnen mit einem Alkoholproblem in der Familie umgegangen sind und wie durch offene Gespräche in einem vertrauten Kreise familiäre und andere Probleme beraten und gemildert werden können.

Da ich eher ein verschlossener und vom Verstand gelenkter Mensch bin, haben mich die Gruppenabende sicher nicht in einen sehr redefreudigen Teilnehmer verwandelt. Manchmal stört es mich doch, wenn immer wieder von “aus dem Bauch herausreden” oder “sich einbringen” gesprochen wird. Aber ich denke, dass ich jetzt mehr auf die gefühlsmäßigen Anteile eines Geschehens eingehen kann.

Vielleicht sind auch die Gespräche nach den Gruppenabenden das Wichtigste an den Besuchen des Kreuzbundes. Wir reden oft bis tief in die Nacht hinein, über das, was dort vorgebracht und diskutiert wurde. Und dies ist häufig auch ein Anlass dafür, eigene Probleme anzugehen. Ich glaube nicht, dass wir früher miteinander so ehrlich gewesen sind.

Außerdem - wo lernt man sonst Menschen kennen, die sich nicht hinter Fassaden verstecken und die nicht immer wieder versuchen, den anderen etwas vorzuspielen?

Arthur M.

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